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ALLTÄGLICHES UND UNGEWOHNTES

Ein Ausschnitt aus dem Newsletter von Matthias Gertsch, Mitarbeiter bei GOA Schweiz und verantwortlich für die Zusammenarbeit mit Kenia. Liebe Freunde, seit dem letzten Newsletter ist schon wieder ein Monat vergangen. Für mich war es ein intensiver Monat. Nachdem ich in den ersten knapp zwei Monaten zwei Waisenhäuser besucht hatte, waren es nun innerhalb der Hälfte der Zeit deren fünf. Wirklich viel Aufregendes weiss ich trotz der ganzen Reiserei nicht zu erzählen, denn vieles gehört für mich mittlerweile zum Alltag . So will ich eben versuchen, meinen Alltag möglichst lebendig zu schildern. Bei meinen ersten Matatu-Reisen haben meine Beine jeweils einen erbitterten Freiheitskampf gekämpft. Mittlerweile kenne ich die Plätze mit der grössten Bein- und Kopffreiheit, bin mir aber gleichzeitig der Sinnlosigkeit dieses Aufstandes bewusst. Länger als fünf Minuten ist das Sitzen ohnehin nicht bequem und spätestens nach zehn Minuten schlafen die Beine aufgrund mangelnder Blutzufuhr ein. Anstatt mich dagegen zu wehren, entschliesst sich der Rest des Körpers aus Solidarität, sich ebenfalls in einen Tiefschlaf zu versetzen. Führt uns die Fahrt an Zebras, Gazellen oder Affen vorbei, so drücke ich mir nicht mehr die Nase am Fenster platt. Im besten Fall bekomme ich die Wildtiere am Rande mit, erfreue mich kurz ab ihrer Schönheit und döse dann weiter. Dass ich meine Reisen häufig verschlafe, mag auf der einen Seite schade sein und bei dem einen oder der anderen für Unverständnis sorgen, doch in Tat und Wahrheit ist es ein grosser Segen. Während mir früher ab den halsbrecherischen Fahrmanövern mehr als einmal das Herz tief in die Hose gerutscht ist, bekomme ich diese nun wesentlich herzschonender mit: ein starkes Bremsen, ein Ausweichen auf den unbefestigten Seitenstreifen, ein Raunen im Matatu; bis ich klar sehen kann, ist das Elefantenrennen zwischen zweier LKWs schon an uns vorbeigerauscht. Auch in den Waisenhäusern hat sich, trotz der Kürze meiner Besuche, so etwas wie Alltag eingestellt: Patengeschenke verteilen, Fotos schiessen, Briefe schreiben lassen, sich auf einem Rundgang an den Fortschritten im Waisenhaus erfreuen, die Kinder zur Schule begleiten, spielen, und wenn dann noch Zeit bleibt Mithilfe im Garten oder in der Küche. Da ich beim besten Willen nicht viel zu erzählen weiss, lasse ich an dieser Stelle ein paar Fotos sprechen. Gewisse Dinge werden für mich trotz allem nicht zum Alltag: Kenianische „Politik“ zum Beispiel: Nachdem die Präsidentschaftswahlen vom 8. August durch das höchste kenianische Gericht für ungültig erklärt worden waren, wurden, wie es das Gesetz vorsieht, freie, faire und glaubwürdige Neuwahlen innerhalb 60 Tagen angeordnet. Da die Independent Electoral and Boundaries Commission (IEBC) in den Augen von Raila Odinga von der Oppositionspartei zu wenig unternahm, um freie Wahlen zu gewährleisten, zog sich dieser von der Wahl zurück und rief seine Anhänger auf, die Wahlen zu boykottieren. Somit wäre der jetzige Präsident, Uhuru Kenyatta als einziger Kandidat verblieben, was jedoch nach kenianischem Gesetz zu einer Wiederholung der Wahl führen müsste. Nun gibt es aber auch noch ein weiteres Gesetz, welches einen Rückzug von den Wahlen nur innerhalb der ersten drei Tage nach der offiziellen Ernennung zum Kandidaten ermöglicht. Dumm nur, dass die Kandidaten nach der Annullierung der ersten Wahlen gar nie mehr offiziell ernannt worden waren... Odingas Name blieb auf den Wahlzetteln erhalten, und als Sicherheitsmassnahme wurden auch noch die Namen der restlichen Kandidaten aufgeführt, die bei der ersten Wahl allesamt chancenlos geblieben waren. Bis zum Wahltag versuchte Odinga, die Wahl gerichtlich zu verschieben, doch ohne Erfolg. Da am Vortag der Wahlen zu wenige Richter anwesend waren, blieb das Gericht geschlossen und Odingas Antrag unbearbeitet. In Westkenia verhinderten Odingas Anhänger mit Strassensperren und -schlachten mit der Polizei erfolgreich, dass das Wahlmaterial geliefert werden konnte, und verunmöglichten so die Wahlen dort. Nichtsdestotrotz wurde Uhuru Kenyatta wenige Tage nach den Wahlen mit über 98 Prozent aller Stimmen zum Sieger ernannt. Odinga akzeptiert das Resultat dieser Schandwahlen, wie er sie selber bezeichnet, wenig überraschend nicht. Wie es nun weiter geht, steht noch in den Sternen. Bis jetzt ist es im Grossen und Ganzen erstaunlich ruhig und friedlich geblieben. Es bleibt zu hoffen, dass dies auch in den kommenden Wochen und Monaten so bleibt. Seit dieser Woche hat das Headoffice von GOA einen neuen Standort. Im Unterschied zu früher zahlen wir hier keine Miete mehr und es steht erst noch mehr Platz zur Verfügung. Die Idee, eigene Büroräumlichkeiten zu erstellen, bestand schon lange, doch erst die aktuelle Finanzkriese führte dazu, diesen Schritt schon jetzt zu vollziehen. Innerhalb von nur einem Monat wurde das neue Bürogebäude gebaut. Zwar wird noch immer gehämmert und gemalt, doch gleichzeitig haben sich die Mitarbeiter schon so weit eingerichtet, um ihren Aufgaben und Verpflichtungen für GOA nachzukommen. Selbst ich habe einen eigenen Schreibtisch erhalten (offiziell ist es der Arbeitsplatz für alle Volontäre). So sitze ich heute mit einem breiten Grinsen auf meinem Sessel und freue mich über meinen neuen Arbeitsplatz. Dies ist definitiv noch kein Alltag für mich.