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LICHT IN DIE VERGANGENHEIT: DIE GESCHICHTE EINES STRASSENJUNGEN

Liebe Freunde, hin und wieder kommen mir Geschichten zu Ohr, dass Kinder oder Jugendliche aus dem Waisenhaus abgehauen sind oder ihre schulischen Leistungen nicht ihrem Potenzial entsprechen. Ich frage mich dann jeweils, was wir als Organisation falsch machen oder wo der Grund liegen könnte, dass Kinder und Jugendliche so leichtfertig mit ihrer Chance auf eine bessere Zukunft aufgeben. Nun, die Geschichte von Geoffrey Omondi aus dem Waisenhaus CCRC hat mir vor Augen geführt, dass hinter solchen Fällen meist weder Leichtsinn noch mangelnde Dankbarkeit steht, sondern die Erfahrungen aus der Vergangenheit in schwierigen familiären Verhältnissen, in Armut oder als Strassenkinder, die noch bis in die Gegenwart hinein ihre Spuren hinterlassen. Geoffrey war fünf Jahre alt, als er ins Waisenhaus CCRC kam. Er wurde auf den Strassen von Nairobi aufgegriffen, wo er sich für zwei Monate durchgeschlagen hatte. Aus dem kleinen Buben ist mittlerweile ein stattlicher junger Mann geworden, der soeben die Sekundarschule abgeschlossen hat. In der Schule erhielt er stets Bestnoten und auch sonst ist er ein vorbildlicher Junge. Doch kurz vor seinem Schulabschluss hatten sich seine schulischen Leistungen verschlechtert. Als Pamela, die Managerin von CCRC, ihn darauf ansprach, erklärte er ihr, dass er keinen inneren Frieden habe. „Ich bin kurz davor die Schule abzuschliessen. Dann muss ich das Waisenhaus verlassen, doch wo soll ich hingehen?“ Zwar konnte man nach seiner Aufnahme im Waisenhaus sein früheres Zuhause ausfindig machen. Die Frau gab sich als seine Grossmutter aus. Doch nach deren Tod war er in der Verwandtschaft nicht mehr willkommen und seine Geschwister gaben ihm zu verstehen, dass er nicht Teil der Familie sei. So also begann die Suche nach seinen Eltern von Neuem. Dank Geoffreys Erinnerungen und Hinweisen aus der Nachbarschaft kam sein Lebenslauf Stück für Stück zusammen: Geoffreys Eltern trennten sich, als er noch ein Baby war, wonach er beim Vater lebte. Doch nach einem Jahr wurde er von der Mutter aus dem väterlichen Haus gestohlen. Zu dieser Zeit war die Mutter allerdings schon mit einem anderen Mann verheiratet. Um keinen Verdacht zu erwecken, schärfte sie Geoffrey ein, sie nur Tante und nicht Mutter zu nennen. Dies war jedoch für ein Kleinkind wie Omondi ein bisschen viel verlangt und so nannte er sie eines Tages Mutter. Diese wurde wütend, und nachdem sie ihn mit einer Tracht Prügel versehen hatte, verkauft sie ihn an eine ältere Frau, die keine Söhne hatte – jene Frau, die Geoffrey als seine Grossmutter angesehen hatte. Da er jedoch auch im neuen Zuhause nicht gut behandelt wurde, verliess er dieses und zog auf die Strassen von Nairobi. Es kommt einem Wunder gleich, dass nach all den Jahren Licht in seine Lebensgeschichte fallen durfte. Obwohl diese Enthüllung mit sehr vielen Schmerzen verbunden war, kennt diese Geschichte doch ein Happy End, denn nach all den Jahren konnte Geoffrey seinen leiblichen Vater wieder finden. Dieser hatte lange Zeit nach seinem Sohn gesucht, doch mittlerweile alle Hoffnung verloren und ihn tot geglaubt. Geoffrey wurde von seinem Vater und dessen neuer Familie herzlich und mit offenen Armen empfangen. Dies gab dem jungen Mann den nötigen Frieden, um sich wieder voll auf die Schule zu konzentrieren. Denn obwohl er nun das Waisenhaus verlassen muss, hat er doch eine Familie, in der er Zuhause ist. Mit freundlichen Grüsse, Matthias
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