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NEUES AUS DER SEKUNDARSCHULE VON UNSEREM VOLONTÄR MATTHIAS

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DSCF6755Hallo zusammen

Wie Rebekka bereits angekündigt hat, habe ich, Matthias Gertsch, heute die Möglichkeit, etwas von der GOA High School zu berichten. Vor gut einem Monat habe ich damit begonnen, an der High School Deutsch und Sport zu unterrichten. Es macht mir grossen Spass, besonders auch weil ich immer eine motivierte und wissensbegierige Klasse antreffe. Im vergangenen Monat investierte ich die Deutschlektionen dafür, den bereits gelernten Stoff zu repetieren. Nach einem meist trockenen Start in die Lektion versuchte ich das soeben gelernte mit Hilfe eines Spiels zu vertiefen. Das fand bei allen grossen Anklang. Besonders beliebt sind Spiele wie Montagsmaler oder geistiges Fussball, mit welchem man besonders das gelernte Vokabular gut repetieren kann. Zurzeit darf ich zwei Klassen, eine mit 24 und eine mit circa 45 Schülern unterrichten. Doch schon bald werden es drei Klassen sein, denn die Erstklässler werden den Schulalltag in den nächsten Wochen aufnehmen. Bereits sind einige Schüler aus den verschiedenen Waisenhäusern von GOA eingetroffen. Dies obwohl weder ein Schulzimmer zur Verfügung steht noch die Schlafsäle für die Schüler der High School ganz fertig gebaut sind. Als Klassenzimmer wird nun die Bibliothek, in der bis anhin ohnehin noch wenige Bücher sind, dienen, zum Schlafen finden die Kinder irgendwo im Waisenhaus Tumaini Unterschlupf.

Als ich mich dazu entschied, ein halbes Jahr hier in Kenia zu verbringen, wusste ich, dass einiges anders sein wird. Dazu gehört ganz sicher auch die Einstellung der Kinder und Jugendlichen gegenüber der Schule. Damit Ihr einen Einblick in das Leben eines High School Schülers erhaltet, habe ich James gebeten, von seinem Leben zu erzählen:

DSCF6588„Ich bin James, ein stattlicher Junge von 17 Jahren. Am Anfang möchte ich von meiner Familie und meiner Kindheit erzählen. Ich kam als sechstes von sieben Kindern in Narok zur Welt. Nach einem Streit jagte mein Vater meine Mutter fort. Er nahm sich eine andere Frau und als es zwischen ihnen ebenfalls zu einer Auseinandersetzung kam, organisierte sie eine Gang, welche meinen Vater zu Tode schlug.

Das Durchfüttern von sieben hungrigen Kindern bereitete meiner Mutter Kopfschmerzen. Doch ich erkannte, dass die Liebe meiner Mutter riesig war. Sie versuchte, wenigstens 100 Ksh zu verdienen, um uns etwas zu essen zu besorgen. Mein Lehrer schickte mich wieder fort, weil ich die Schulgebühren nicht zahlen konnte und der Vermieter wartete auch auf die Miete. Ich sah, dass meine Mutter dies nicht alles alleine bewerkstelligen kann. Ich beschloss, zu gehen, um mich auf die Suche nach einem besseren Leben zu machen um damit meiner Mutter nicht weiter zur Last zu fallen. Als ich hundert Shillings zusammen hatte, machte ich mich auf den Weg in die grosse Stadt (Nairobi), denn ich hatte gehört, dass man dort viel Geld verdienen kann. Deshalb entschloss ich mich, dorthin zu gehen, damit ich meiner Mutter dabei helfen kann, meine Geschwister zu versorgen. Doch ich musste erkennen, dass dort niemand auf einen wie mich zu warten schien. Ich schloss mich einer Gang an, welche mir zeigte, wie man etwas Geld verdienen kann: Indem man Geld von den vorbeikommenden Leuten klaut. Zu dieser Zeit kam ich auch mit Drogen wie Marijuana in Kontakt. Ich fragte alle Passanten, mir ein wenig Geld für essbares zu geben, welches ich dann jedoch für die Drogen ausgab, denn ich konnte nicht mehr ohne auskommen. Ich vergass sogar meine Mutter. Glücklicherweise nahm sich Janine Maxwell, die Präsidentin von „Heart for Africa“ zusammen mit dem Sozialarbeiter von Tumaini der misslichen Lage von mir und meinen Freunden an. Sie gab uns zu Essen und fragte uns, ob wir wieder zurück in die Schule wollten. Ich bejahte, während Tränen meine Wangen hinunterflossen. Ich dachte an die Zeit zurück, als ich von der Stadt in ein Erziehungsheim gesteckt wurde, in dem man von den Aufsehern mit Metallstangen beinahe zu Tode geschlagen wurde.

So kam ich im September 2007 ins Tumaini-Waisenhaus, wo ich damit begann, die vierte Klasse zu besuchen. Im Jahre 2011 beendete ich die achte Klasse, und überglücklich konnte ich ein Jahr später mit der High School beginnen. Meine Kindheit auf den Strassen von Nairobi gibt mir eine Motivation um zu lernen, damit ich später an eine gute Universität gehen kann. Denn ich möchte meinen Kindern eine bessere Kindheit ermöglichen, als ich sie erlebt habe. Ich möchte, dass sie nie die Erfahrung machen müssen, auf der Strasse zu leben und sie einfach wie „normale“ Kinder aufwachsen können. Dies ist auch der Grund, warum ich häufig schon um drei Uhr morgens aufstehe, um mich auf die Prüfungen vorzubereiten und bis am Abend um zehn Uhr in der Schule bleibe, um mich auf die kommenden Lektionen vorzubereiten. Aber das Beste was mir passieren konnte ist, dass ich hier an der GOA High School die Möglichkeit bekam, Deutsch zu lernen. In der Zwischenzeit weiss ich schon einiges in Deutsch.“

Dies ist nur eine von vielen Geschichten, welche die Jugendlichen der High School in ihrer Kindheit erleben mussten. Doch für alle ist es ein Privileg, an die High School zu gehen. Und das merkt man auch! Ich hätte mir nie vorstellen können, dass die Kinder hier sieben Tage die Woche zur Schule gehen und sogar um drei Uhr morgens aufstehen, um zu lernen. Letzte Woche bin ich deshalb auch bereits vor vier Uhr an die High School gegangen, um ein wenig Suaheli zu lernen. Doch ich musste hart kämpfen, damit ich nicht wieder einschlief. Ebenfalls unglaublich und für uns als Schweizer unvorstellbar ist, dass manche Jugendliche schon über acht Stunden in der Schule verbracht haben, bevor sie das erste Mal etwas Festes zu essen bekommen. Denn zum Frühstück müssen sie sich mit einer Tasse Tee begnügen. Ich kann mich noch gut an eine Deutschlektion an einem Samstagmorgen erinnern, als James auf mich zukam, um mich zu fragen, ob sie nach draussen gehen dürfen, da sie viel zu hungrig seien, um zu lernen. Deshalb habe ich mich riesig gefreut, als ich auf dieser Homepage vom Selbstversorgungsprojekt für den Monat Februar gelesen habe. Eine Bäckerei und damit regelmässig Frühstück für die Kinder und Jugendlichen würde ihre Situation definitiv nachhaltig verbessern und ihnen beim Lernen die nötige Energie liefern. Als ich James von diesem Projekt erzählte, glänzten seine Augen, wie ich noch selten Augen leuchten gesehen haben.

DSCF7022Nun haben hier in Kenia die Ferien begonnen. Die letzten Tage waren die Schüler damit beschäftigt, die Prüfungen zu schreiben. Ich bin deshalb sehr froh, dass ich den Kindern während diesen Tagen dank der Unterstützung meiner Freunde aus der Schweiz ein richtiges Frühstück ermöglichen konnte. Ich hoffe doch, dass sich der eine oder andere dadurch etwas besser konzentrieren konnte. Ich bin auf alle Fälle sehr zufrieden mit der Leistung der Schüler im Fach Deutsch. Nach dem sie über zwei Monate kein Deutsch mehr hatten und einiges vergessen ging, kann ich nun deutlich ihre Fortschritte erkennen. Ich freue mich, ihnen in der nächsten Zeit noch mehr beibringen zu können.

Ganz herzliche Grüsse

Matthias

(Mehr Infos zu Matthias Arbeit in Kenia findet ihr auf www.matthiasinkenia.ch)